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Im Eissturm der Amsel

Im Eissturm der Amsel

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Pierre DuMont ist ein junger Abenteurer, der um 1809 am Yellowstone unterwegs ist, um als Voyageur sein Gl√ľck zu machen. Doch nicht nur die Wildnis ist ein unbarmherziger Gegner, sondern vor allen Dingen feindliche Indianerst√§mme machen ihm und seinen Freunden das Leben schwer. Er heiratet die Mandan-Indianerin Mato-wea, um eine Lebensversicherung in der Wildnis zu haben. Es ist eine Zweckehe auf Zeit, denn selbstverst√§ndlich m√∂chte er bei seiner R√ľckkehr nach St. Louis eine ehrbare wei√üe Frau heiraten. Als die kleine Claire geboren wird, kommen ihm Zweifel an seiner reichlich pragmatischen Einstellung, denn er muss zugeben, dass ihm weit mehr an Mato-wea und der kleinen Tochter liegt, als er vorgesehen hatte. Als Blackfeet den Posten √ľberfallen, ger√§t sein Leben au√üer Kontrolle.

Eine spannende Geschichte aus der Zeit des Pelzhandels am Oberen Missouri ‚Äď erz√§hlt aus drei Blickwinkeln: dem franz√∂sischen Trapper Pierre DuMont, seiner indianischen Frau Mato-wea und Wambli-luta ‚Äď einem selbstbewussten und gef√§hrlichen Lakota-Krieger. Auch Wambli-luta und Mato-wea verbindet das Schicksal, denn bei einem Angriff auf das Dorf der Mandan hatte er ihr Leben verschont und glaubt seitdem an eine F√ľgung der Geister. Die Lebenspfade der drei Personen verkn√ľpfen sich auf abenteuerliche Weise.

Leseprobe

Rezension im Magazin f√ľr Amerikanistik 2/2020

Rezension im Amerindian Research Band 15/2 (2020)

Pierre DuMont lag in seinem Versteck zwischen den tiefh√§ngenden √Ąsten einer Fichte und beobachtete die beiden Indianer, die ganz in seiner N√§he vorbeischlichen. Er sah schwarz und rot bemalte Gesichter, Hauben mit hoch aufgerichteten Adlerfedern und nach unten h√§ngenden Hermelinstreifen, hemden√§hnliche einfache Gew√§nder mit langen Fransen und griffbereite Waffen. Sie hatten ihre Bisonroben abgelegt, um f√ľr den Kampf beweglicher zu sein. Pekuni! Er wusste, dass sie ‚Äď verteufelt noch mal ‚Äď etwas gegen seine Anwesenheit hier hatten. Die Pekuni waren erbitterte Feinde der Trapper oder auch Waldl√§ufer, die es wagten, den Missouri entlang in ihre Jagdgr√ľnde vorzusto√üen. Pierre zog ein Tuch vor seinem Mund, damit die Roth√§ute nicht seine Atemw√∂lkchen sahen, die in der klirrenden K√§lte von seiner Nase aufstiegen. Zur Sicherheit nahm er Schnee in den Mund, um den Atem zu k√ľhlen. In den H√§nden hielt er sein Gewehr. Es war geladen und der Hahn gespannt. Aber Pierre wusste, dass allein das Klicken, wenn er das Gewehr entsicherte, in der Wildnis weit zu h√∂ren sein w√ľrde. Obwohl die K√§lte langsam in seine Glieder kroch, sammelte sich auf seiner Stirn der Schwei√ü. Mit einer langsamen Bewegung schob er die Biberfellm√ľtze etwas nach oben und wischte sich die Stirn trocken. Er konnte unm√∂glich
einen genauen Schuss abfeuern, wenn ihm der Schweiß in die Augen lief. Sein braunes lockiges Haar klebte am Haaransatz und juckte unangenehm. Eine Schweißperle lief an der Nase entlang und sammelte sich an seinem gestutzten Oberlippenbart. Mit seiner Zunge leckte er sie weg, mehr Bewegung wagte er nicht. Die beiden Indianer unterhielten sich leise in ihrer Sprache und folgten einem Pfad zum Ufer des schmalen Baches. Pierre
atmete tief durch. Dort hatte er noch keine Spuren hinterlassen! Er war √ľber den H√ľgel gekommen und hatte den Bach, eigentlich ein kleiner Nebenarm des breiten Yellowstone-Flusses, noch nicht erreicht. Das war vielleicht sein Gl√ľck, denn im Schnee konnte man seine Spuren nicht verwischen. Unter der Fichte lag kaum Schnee, sodass die ledernen Leggins und der warme Mantel aus dem Wollstoff der Hudson‚Äės Bay Company ihn etwas vor dem Frost sch√ľtzten, der vom Boden aufstieg. Der Mantel war wei√ü und hatte im unteren Bereich und an den √Ąrmeln einen breiten roten Streifen. Er hatte ihn von einem franz√∂sischen Trapper eingetauscht, der sonst weiter im Norden Handel mit den Assiniboine trieb. Im Moment wurden der untere Streifen verdeckt, weil er auf ihm lag, aber die √Ąrmel h√§tten ihn verraten k√∂nnen. Er hielt die Arme tief und hoffte, dass die Inyuns das Rot nicht sahen. Mit seinen dunkelbraunen Augen beobachtete er die Indianer, dabei flogen seine Gedanken. Als fast mittelloser Sohn eines franz√∂sischen Farmers in St. Louis hatte er mit sechzehn die Chance
ergriffen, sich einer Brigade Trapper anzuschlie√üen. Anfangs war ihm alles wie ein gro√ües Abenteuer erschienen, doch das Leben hatte ihm gezeigt, dass das Fallenstellen seine T√ľcken hatte: Indianer und unberechenbare Wildnis. Inzwischen war er vierundzwanzig, und irgendwie hatte er noch immer keine Reicht√ľmer ansammeln k√∂nnen. Er war ein Voyageur, ein Angestellter, der vertragsm√§√üig f√ľr einen Pelzhandelsposten arbeitete. Dieses Mal war er von Manuel Lisa, einem spanischen Bourgeois, wie die Bosse genannt wurden, angeheuert worden, der den Pelzhandel am Oberen Missouri etablieren wollte. Lisa finanzierte das Unternehmen und hatte Voyageure, F√ľhrer, aber auch erfahrene Soldaten angeworben, um in der Wildnis Handelsposten zu errichten. Der Pelzhandel brachte viel ein! Pierre schickte das meiste Geld seinen Eltern, die inzwischen au√üerhalb von St. Louis eine gr√∂√üere Farm bewirtschafteten, die er mal √ľbernehmen sollte. Im Moment hoffte er nur, dass er hier lebend wieder rauskam. Vielleicht h√§tte er doch auf seine Mutter h√∂ren sollen, die ihn gebeten hatte, endlich sesshaft zu werden.

Die Stimmen kamen wieder n√§her, und Pierre wusste, dass er dem Kampf nicht ausweichen konnte. Mit seiner Hand tastete er an die Seite seines G√ľrtels und zog das Beil hervor. Er hatte vielleicht noch den Vorteil der √úberraschung! Er legte das Beil griffbereit und schob vorsichtig das Gewehr an seine Schulter. Wenn er mit dem ersten Schuss traf, h√§tte er gegen den zweiten Mann eine Chance. Zum Laden der Pistole blieb keine Zeit mehr. Jede weitere Bewegung, jedes Klicken w√ľrde ihn nur verraten. Merde! Wo kamen die beiden √ľberhaupt her? Waren vielleicht noch mehr Roth√§ute in der Umgebung? Dann stand es schlecht um ihn. Die Pekuni waren nicht zimperlich, wenn sie einen wei√üen Trapper erwischten. Oft genug wurde aus den armen Kerlen Wolfsfutter gemacht. Pierre knirschte mit den Z√§hnen, als er kurz die Lage einsch√§tzte. War das Pulver trocken? W√ľrde das Gewehr schie√üen? Bisher hatte er sich auf seine ‚ÄěDicky‚Äú, wie er seine Dickert Rifle liebevoll nannte, verlassen k√∂nnen. Es regnete nicht, und es blies auch kein heftiger Wind, der den Schuss h√§tte beeinflussen k√∂nnen. Die Waffe war in gutem Zustand. Er brauchte nur ein wenig Gl√ľck!

Der amerikanische Pelzhandel war das erste Multimilliarden-Dollargesch√§ft in Nordamerika. Die gro√üen Kolonialm√§chte ‚Äď England, Frankreich, Spanien ‚Äď k√§mpften um ihre Anteile auf diesem ertragrei- chen Markt. Und die Indianerst√§mme zo- gen in der fr√ľhen Zeit, im 18. und zu Be ginn des 19.  Jahrhunderts, erhebliche Vorteile aus diesem Handel, da er sie mit den begehrten Waren des wei√üen  Mannes ‚Äď Feuerwaffen, Metallwerkzeugen, Kesseln, Stoffen, Decken und Alkohol versorgte. So begann es im Waldland des amerikanischen Ostens und setzte sich in den Fernen Westen fort. Besonders die Lewis-&-Clark-Expedition fungierte als eine Art ‚ÄěT√ľr√∂ffner‚Äú f√ľr die global arbeitenden Pelzkompanien. Johann Jacob Astor war der erste, der eine Handelsgesellschaft bis zum  Pacific schickte. Manuel Lisa, William Henry Ashley und  andere fuhren den Missouri aufw√§rts, um Handelsposten einzurichten und Kontakte zu den Indianerst√§mmen zu kn√ľpfen, die bis dahin nur mit den von Kanada aus agierenden Engl√§n- dern, etwa der ‚ÄěHudson‚Äôs Bay Company‚Äú, Gesch√§fte gemacht hatten. Aber es gab in dieser fr√ľhen Zeit auch viele unabh√§ngige Trapper und Mountain Men, so wie Pierre DuMont, einen jungen Abenteurer, der um 1809  am Yellowstone unterwegs war. Er steht im Mittelpunkt dieser gro√üangelegten Erz√§hlung von Kerstin Groeper. DuMont heiratete die Mandan-Frau Mato-wea. Viele Trapper und Pelzh√§ndler heirateten indi- anische Frauen, weil sie damit automatisch Mitglieder der St√§mme ihrer Frauen wurden und  gegebenenfalls Schutz fanden. F√ľr die Frauen in den Indianerv√∂lkern bedeutete die Ehe mit einem wei√üen Mann eine soziale Aufwertung, f√ľr den Trapper war sie eine Lebensversicherung.  Manche dieser M√§nner hatten noch  eine ‚Äěwei√üe Familie‚Äú au√üer- halb der Wildnis. Aber viele liebten ihre indianischen Frauen und Kinder. Es waren nicht nur pragmatische, rationale Verbindungen. Noch heute findet man in den nordwestlichen Reservationen Nachkommen von solchen Ehen; bei den Blackfoot etwa die Familie Kipp, bei den Lakota auf Pine Ridge die Bordeauxs ‚Äď Nachfahren des zeitweiligen Chefs von Fort Laramie.

Als DuMonts Tochter bei den Mandan geboren wird, kommen ihm erste Zweifel an seiner Einstellung. Er muss zugeben, dass seine Gef√ľhle f√ľr Mato-wea viel  tiefer  sind,  als  er zun√§chst geglaubt  hat. Als  Blackfeet den Handelsposten √ľberfallen, ger√§t sein Leben au√üer Kontrolle. Den Leser erwartet eine Geschichte von atemloser Dramatik und emo- tionaler Gr√∂√üe. Eine Geschichte von Tragik und Gl√ľck und  trotz einer teilweise  unbarmherzigen  Umwelt  von  warmer, tiefer  Menschlichkeit.

Das alles ist verwoben mit der fr√ľhen √Ąra des Pelzhandels, der eine eigene Welt schuf, die den Beteiligten ‚Äď den Indianerv√∂lkern ebenso wie den H√§ndlern und J√§gern mit multinationalem Hintergrund ‚Äď eine strukturelle Stabilit√§t gab. Bei aller H√§rte dieses Handels und der Lebensbedingungen, herrschten Spielregeln gegenseitigen Respekts, weil man sich gegenseitig brauchte. Diese Welt brach mit dem aggressiven Vordringen landhungriger Siedler und gold- und silbergieriger Prospektoren in sich zusammen. Ein sehr lesenswertes Buch.               Dietmar Kuegler

 "Die Handlung ist frei erfunden, basiert jedoch auf historisch belegten Ereignissen" betont die Autorin. Ihr Nachwort h√§tte es verdient gehabt, als Vorwort die Leser auf die Schwierigkeit einzustimmen, aus der Geschichte bekannte Personen in die Berichte fiktiver dramatischer Ereignisse korrekt einzubinden. In gro√üer Detailf√ľlle reflektieren sie das Leben verschiedener Ureinwohnergruppen des Louisiana Territory von 1809-1814 zwischen den Fl√ľssen Missouri und Yellowstone und den Rocky Mountains aus deren Perspektive. Der Roman-Titel bezieht sich auf ein dort zu ertragendes Naturph√§nomen des Sp√§twinters, dem man sich in der Regi- on ausgesetzt finden kann und das in aller Eindringlichkeit beschrieben wird. Darunter werden aber auch symbolisch die gesamten kriegerischen Auseinandersetzungen verstan- den, in welche die Protagonisten der Geschichte eingebunden sind: Mitglieder der Fell-Kompanien und Trapper, die jeweils von den USA im Osten und der Kolonialmacht der Engl√§nder im n√∂rdlich davon sich erstreckenden Kanada zu ihren Aktivit√§ten in den Territorien der verschiedenen St√§mme der Ureinwohner getrieben werden, und den Letzte- ren, die in kriegerischen Auseinandersetzungen versuchen, an den Gewinnen des Pelzhandels einen entsprechenden Anteil zu erlangen. Sind sie doch diejenigen, die ihre Zeit und Kraft f√ľr einen Gro√üteil der erjagten und aufbereiteten Felle eingesetzt haben. Die "Geschenke" der Europ√§er ‚Äď Pferde und Feuerwaffen ‚Äď haben ihre Lebensweise bereits stark ver√§ndert und stimulieren die kriegerischen Auseinan- dersetzungen. Sie f√ľhren zu Missverst√§ndnissen, auch vor allem wegen der fehlenden sprachlichen Verst√§ndigung der indigenen V√∂lker urspr√ľnglich unterschiedlicher Lebensweise und Kultur und verschiedener Sprachen oder sogar Sprachfamilien. All dies f√ľhrt zu dramatischen Folgen f√ľr das pers√∂nliche Schicksal Einzelner, deren Leben und Leiden in dem dargestellten Zeitraum von der Autorin sehr gut vermittelt wird. Ihr gelingt es, die Ereignisse weitgehend aus der Weltsicht der unterschiedlichen Protagonisten des kon- kreten Geschehens heraus zu reflektieren. Ihr gelingt es zudem, das t√§gliche Leben, die Arbeitsprozesse wie rituellen Feste, die Mythen und M√§rchen so in ihre Darstellung einflie√üen zu lassen, dass einem die Widerspr√ľchlichkeit der aufeinander prallenden Vorstellungen √ľber die kriegerischen Auseinandersetzungen deutlich wird. Ein besonderes Thema ist das Schicksal von Frauen und Kindern, welche diesem Existenzkampf ebenso wie einzelne Protagonisten der k√§mpfenden indigenen M√§nner, aber auch der vordringenden M√§chte ausgeliefert sind. Es k√ľndigt sich an, dass diese Auseinandersetzungen zugunsten der fernen M√§chte und deren Vorboten sowie schlie√ülich der Ver√§nderungen wegen der vorr√ľckenden Siedler entschieden werden. So wird in ein- drucksvoller Weise der Widerstandskampf der einander bekriegenden verschiedenen Ureinwohnergruppen an Einzelschicksalen beleuchtet, die beispielhaft die Tendenzen der historischen Entwicklung aufzeigen: das Leben vieler wird durch den "Eissturm" ausgel√∂scht.

Die Autorin versteht es, die Lebensweise der Urein- wohner dieser Region Nordamerikas in einem historisch wichtigen Abschnitt so zu reflektieren, dass die Leser an deren Schicksal emotionalen Anteil nehmen, zudem aber viel √ľber die damaligen Kulturen erfahren k√∂nnen. Das Buch ist deshalb zur Lekt√ľre sehr zu empfehlen.

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